Frankreich – Ein Saisonauftakt, der perfekter nicht hätte schiefgehen können
- Uwe Laurisch

- 29. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Just ride 05 | 2026
Mit dem legendären „Alestrem“ in Frankreich begann Mitte April mein erstes WM-Wochenende überhaupt. Schon bei der Anreise wurde klar: Eine Weltmeisterschaft ist noch einmal ein ganz anderes Niveau.
Internationales Fahrerfeld, tausende Zuschauer, lange Renntage und enorme körperliche Belastung. Gleichzeitig steckt hinter so einem Wochenende auch ein riesiger organisatorischer und finanzieller Aufwand.
Allein Anreise, Nenngeld, Reifen, Benzin, Maut, Ersatzteile und Unterkunft summieren sich schnell auf mehrere tausend Euro pro Rennen. Allein die Vorbereitung hat mich knapp 4000€ gekostet. Die gleiche Summe kann man dann pro Rennen nochmal oben drauf rechnen.Besonders im Hard Enduro kommen zusätzlich hohe Materialkosten dazu, weil Defekte und Verschleiß beinahe zum Alltag gehören.
Zusätzlich sorgen neue Reglements immer wieder für neue Herausforderungen. In dieser Saison wurde beispielsweise ein neues Helmreglement eingeführt. Die vorgeschriebenen Helme waren nur schwer zu bekommen und kosten schnell ein kleines Vermögen. Dazu kommen internationale Lizenzen und Startgebühren, die ebenfalls alles andere als günstig sind.

Viele sehen am Ende nur die guten Seiten des Rennens oder ein Bild auf dem Podium – wie viel Vorbereitung, Organisation und finanzielle Belastung tatsächlich hinter einer Weltmeisterschaft stecken, bleibt oft unsichtbar.
Und genau das bekam ich bereits beim Prolog zu spüren.
Eigentlich wollte ich ruhig und kontrolliert in mein erstes WM-Wochenende starten. Stattdessen entwickelte sich der Prolog schnell zum absoluten Chaos.
Ein Fahrfehler endete unsanft im Baum – und plötzlich war nicht nur meine Konzentration angeschlagen, sondern auch das Motorrad. Kühler beschädigt, Licht kaputt und jede Menge Arbeit im Fahrerlager.
Nach dem ersten Einschlag war allerdings schnell klar: Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit erst.
Und genau dort zeigte sich, wie viel Arbeit tatsächlich hinter so einem Weltmeisterschafts-Wochenende steckt. Mit viel Improvisation, Werkzeug, Ehrgeiz und einer ordentlichen Portion Mädels-Power schafften wir es tatsächlich, das Bike wieder instand zu setzen.
Ein Moment, der mich besonders stolz gemacht hat.
Denn genau das möchte ich auch zeigen: Frauen gehören im Motorsport nicht nur auf das Motorrad, sondern genauso selbstverständlich auch in die Werkstatt und ins Fahrerlager.
Doch als wir gerade dachten, die größte Krise des Wochenendes überstanden zu haben, wartete in der zweiten Prologrunde bereits das nächste Desaster.
Dabei hatte die Runde eigentlich perfekt begonnen.
Nachdem ich mich nach dem ersten Rückschlag wieder sammeln konnte, startete ich deutlich fokussierter in den zweiten Versuch. Ich war ruhig, konzentriert und hatte endlich das Gefühl, richtig im Rennen angekommen zu sein. Die ersten Streckenabschnitte liefen sauber und ich fand immer besser meinen Rhythmus.
Bis ungefähr zum zweiten Drittel der Strecke.
Dort wartete eine Felsstufe, über die man mit genügend Geschwindigkeit springen musste. Allerdings kam direkt davor eine enge Kurve mit wenig Anlauf. Ich war minimal zu langsam aus der Kurve heraus – und genau dieser kleine Fehler reichte aus.
Statt sauber über den Felsen zu springen, krachte ich mit dem Unterboden meines Motorrads direkt auf die Kante. Der Einschlag war brutal.
Noch im selben Moment wusste ich, dass etwas nicht stimmt. Mein Dämpfer hatte den Aufprall nicht überlebt und sofort den Geist aufgegeben. Das Motorrad war kaum noch fahrbar.
Mir blieb nichts anderes übrig, als mich von einem Strecken-Guide aus dem Wald zurück ins Fahrerlager begleiten zu lassen.
Momente der Verzweiflung
Dort schaute ich mir den Schaden genauer an – und wusste eigentlich sofort: Das war’s.
Dieser Dämpfer würde kein Rennen mehr sehen.
In diesem Moment war die Verzweiflung riesig. Tatsächlich flossen sogar ein paar Tränen – etwas, das bei mir normalerweise selten vorkommt. Aber plötzlich war all das da: Die monatelange Vorbereitung, die vielen Trainingsstunden, die ganze Arbeit neben dem Vollzeitjob, die Investitionen, die Organisation und das viele Geld, das in dieses WM-Projekt geflossen ist.
Und jetzt sollte alles schon nach der zweiten Prologrunde vorbei sein?
Dieser Gedanke traf mich in dem Moment unglaublich hart.
Ich brauchte erst einmal ein paar Minuten, um mich wieder zu sammeln. Danach war allerdings klar: Aufgeben ist keine Option.
Ich begann nach einer Lösung zu suchen. Also schnappte ich mir den zerstörten Dämpfer und lief kurzerhand durchs Fahrerlager, sprach Teams und Fahrer an und fragte einfach direkt, ob irgendjemand einen passenden Dämpfer dabeihat, den ich für das Hauptrennen leihen könnte. Denn eines war klar: Ohne funktionierenden Dämpfer fahre ich keinen Weltmeisterschaftslauf. Und tatsächlich passierte genau das, womit ich kaum gerechnet hatte. Jemand half mir.
Ich bekam einen passenden Leihdämpfer, konnte ihn einbauen und auf das Motorrad anpassen. Plötzlich war da statt Frust wieder Hoffnung.
Und genau dadurch konnte ich am Sonntag tatsächlich doch noch an den Start gehen.

Rennmodus statt Chaos
Am Hauptrenntag änderte sich plötzlich alles.
Während der Prolog noch voller Probleme war, lief im Rennen selbst überraschend viel zusammen. Keine größeren Defekte, keine schweren Stürze – einfach fahren.
Und genau das tat ich.
Bei fast schon sommerlichen 26 Grad führte die Strecke durch steinige Auffahrten, enge Waldstücke und anspruchsvolle technische Sektionen. Das Terrain verlangte volle Konzentration, denn schon kleine Fehler kosten im Hard Enduro enorm viel Kraft und Zeit.
Stundenlang kämpfte ich mich durch das Gelände – immer mit dem Ziel, mein erstes WM-Rennen überhaupt sauber ins Ziel zu bringen.
Dass am Ende sogar Platz zwei in der Damenwertung dabei herauskommen würde, hätte ich vor dem Wochenende niemals erwartet.

Mein erstes WM-Podium beim Saisonauftakt in Frankreich – ein Moment, den ich so schnell
nicht vergessen werde.- Platz 2 -
Mehr als nur ein Podium
Der zweite Platz bedeutete für mich deutlich mehr als nur ein gutes Ergebnis.
Nach dem schwierigen Prolog, den technischen Problemen und der Unsicherheit vor meinem ersten WM-Start war dieses Rennen vor allem ein persönlicher Beweis: Ich kann auf diesem Niveau mithalten.
Genau das macht Hard Enduro für mich so besonders. Dieser Sport ist unberechenbar. Innerhalb weniger Stunden kann sich alles ändern – vom beschädigten Motorrad bis hin zum Podium. Und genau deshalb fühlt sich jeder Zieleinlauf am Ende wie ein kleiner Sieg an.
Weiter geht das Abenteuer in Portugal – was ich da wohl alles erleben werde? Wird diesmal alles glatt gehen? Seid gespannt, denn Fortsetzung folgt!
Fotos: Kim Sobania, Titouan.mrc, Lydia Greifzu





